Warten auf den Pass – eine Zeit in Deutschland

© Thomas Erhardt / Fotolia
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Im November 2015 lernte ich S. und ihren erwachsenen Sohn M. aus Zabadani in Syrien kennen. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Mir gefielen ihr Humor und ihr Lachen, die Kommunikationsfreude und ihre Offenheit. Es entstand die Idee , S. Deutsch beizubringen, und ich besuchte sie fortan in ihrem Zimmer, in dem sie zusammen mit ihrem Sohn wohnte. M. übersetzte und so kamen wir langsam mit dem Deutschlernen voran. Gleichzeitig lernte ich mühsam einige arabische Worte.

Während der Besuche erfuhr ich wenig über ihre Flucht nach Deutschland. Was mir aber sehr schnell klar wurde, war die zermürbende Situation, in der sich S. befand: Sie wartete auf Antwort aus Nürnberg. Darf sie in Deutschland bleiben? Wie geht es dann überhaupt weiter? Die ganze Familie wartete. Ihr Bruder, der in Kanada lebt, schickte einmal ein Foto: Ein Eimer voller grüner Tomaten, die er noch vor dem Winter geerntet hatte. Er fragte nach einer Idee, wie man die Tomaten verarbeiten kann. Freude über den Kontakt. S. fragte, ob sie mich fotografieren dürfe. M. machte ein Foto von uns beiden und, schwupps, schon war es auf dem Weg in die Vereinigten Arabischen Emirate, wo ihre Tochter mit Mann lebt. Ich hatte das Gefühl, dass mit meinen Besuchen neuer Schwung ins Zimmer kam. Dass so das Warten für einen kurzen Moment unterbrochen wurde. Wir haben viel gelacht. Und immer hat M. übersetzt. Mir wurde schnell klar, wie wichtig die Verständigung in einer gemeinsamen Sprache ist. Sie macht vieles leichter, entspannter. Manches musste ich mithilfe von Pantomime erklären. Das ist anfangs lustig, wird aber mit der Zeit anstrengend.

Wo war eigentlich S.s Mann? Er war in Damaskus geblieben. Auch die zweite Tochter lebt noch in Damaskus. Im Zimmer in Bamberg lief immer der Fernseher: meistens ein französisch-arabischer Sender. Kriegsbilder. Arabische Sprache. Ein Stück Normalität.

Nach und nach lernten wir uns besser kennen. Aber ich merkte auch, dass S. irgendwie nicht ganz hier war. Wollte sie wirklich Deutsch lernen? In Gedanken war sie bei ihrem Mann: Er ist krank und muss operiert werden. In Syrien ist die medizinische Infrastruktur zerstört.

Ich bin für vier Wochen beruflich unterwegs und komme erst kurz vor Weihnachten wieder. S. hat mich vermisst. Und: Sie hat sich entschieden, zu ihrem Mann zurück zu gehen. Sie kann zwar nicht zurück nach Syrien, aber ihr Mann kann in Beirut, im Libanon, operiert werden. Sie wird dort mit ihm leben. Nach sieben Monaten des Wartens zieht S. ihren Asylantrag zurück. Die Entscheidung ist getroffen und S. freut sich. Ihr Sohn weniger, er will in Deutschland bleiben. Abr nun beginnt noch einmal eine Zeit des Wartens: Warten auf den Pass, der noch in Zirndorf liegt. Irgendwie hatten wir gedacht, der Pass würde aus der Schublade gezogen, in ein Kuvert gesteckt und nach Bamberg geschickt. Das Abschiedsessen, zu dem S. und M. alle Helferinnen und Helfer einladen, wird ein kulinarischer und unterhaltsamer Genuss. Die Stimmung ist fröhlich. Und wir alle denken: In ein paar Tagen fliegt S. nach Beirut.

Behördenchaos

Nach einer Woche melde ich mich bei M. und frage nach S.s Abreise. Sie ist immer noch in Bamberg. Sie wartet auf ihren Pass. Ob ich helfen könne? Ich habe keine Ahnung von diesen Abläufen und so befrage ich das Internet. Ich telefoniere. Der Fall ist bekannt. Der Pass wird auf Echtheit überprüft. Der Herr im Ausländeramt ist freundlich trotz Anspannung. Er kümmert sich darum, aber er kann dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) keinen Druck machen, da es ihm „überstellt“ ist. Wie wird ein Pass überhaupt auf Echtheit überprüft? Wie lange dauert das? Ich frage andere Leute, die mit Flüchtlingen zu tun haben. Ich telefoniere und recherchiere wieder im Internet. Darüber gerate ich an den Bayerischen Flüchtlingsrat. Eine Mitarbeiterin vermittelt mir den Kontakt zu zwei Journalisten, die gerade eine Reportage zum Thema „Ausreisewillige warten auf ihren Pass“ drehen. So richtig weiß keiner Bescheid, wie das mit der Rückgabe der Pässe abläuft. Warten. Ich lade S. zu mir ein, aber ihr Sohn gibt mir zu verstehen: Das braucht sie nicht, sie braucht ihren Pass. S. lacht schon lange nicht mehr so offen. Sie ist bereit, sich interviewen zu lassen und ihren Fall zu schildern, in der Hoffnung, dass die Passrückgabe dadurch schneller erfolgt. Aber dann interessieren sich die Journalisten vom WDR für den Fall einer albanischen Familie, deren Pässe gar nicht mehr gefunden werden. In der Sendung, die schon zwei Tag später ausgestrahlt wird, wird der Weg der Pässe von Flüchtlingen gezeigt.

Am 10. Februar 2016 kann S. ihren Pass dann im Rathaus abholen. Mit nur vier Wochen Wartezeit ging das letztlich recht schnell. Aber vier Wochen warten, ohne zu wissen wie lange noch, kann ganz schön zermürben.

Während ich diese Geschichte schreibe, ist S. seit drei Wochen schon in Beirut und M. erzählt mir, dass sie sehr glücklich ist.

Für M. ist das Warten nun vorüber: Sein Asylantrag wurde inzwischen anerkannt.

Text: Nina Westphal-Stein | Foto: Thomas Erhardt / Fotolia