Flucht nach Deutschland

mohamad1Mohamad hat sein Gesicht in den Händen vergraben und sitzt am Heck des Bootes. Es ist dunkel und das Land noch in weiter Ferne. Er sieht kaum die Hand vor dem Gesicht, aber hören kann er gut: die weinenden Kinder, die ängstlichen Rufe der Frauen, das Stöhnen der Schlafendenden, die in dem Boot hin und her geworfen werden. Sechs Meter ist es lang, 40 Personen drängen sich hier zusammen.

Der junge Syrer stammt aus Aleppo, dem Herd des Syrischen Bürgerkriegs. Hier finden die härtesten Kämpfe statt, die das Land im Zuge des Krieges erlebt hat. Wer wirklich auf wen schießt, weiß kaum noch jemand – die Fronten sind zu verwaschen geworden, die verschiedenen Gruppierungen kaum noch auseinanderzuhalten. Anfang 2012 ist der Konflikt hier noch nicht angekommen. Die Stadt ist als zweites Wirtschaftszentrum neben Damaskus ein lebenswerter Ort, die Menschen sind zufrieden, und auch Mohamad wächst hier gerne auf. Er hat gerade seine Abschlussprüfung in der Schule abgelegt. 86 Prozent steht auf dem Papier, das entspricht einer 1,7. Er ist ein guter Schüler, war auf der Wirtschaftsschule, um später mal ins Marketing einzusteigen. Nebenbei hilft er seinem Vater im Geschäft aus, einem Kleidungsladen. Mit seinem guten Abschluss findet er schnell einen Platz an der Universität, schreibt sich für Wirtschaft ein. Im Juli kommt jedoch alles anders: Die Freie Syrische Armee (FSA) attackiert die von Präsident Assad kontrollierte Stadt mit ihren Bodentruppen. Schon bald dehnen sich die Gefechte auf weite Teile der Stadt aus, Assad schickt Flugzeuge, die die verschanzten FSA-Mitglieder aus der Stadt bomben sollen, die öffentliche Ordnung bricht zusammen, die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Medikamenten ist nicht mehr möglich. Es gilt jetzt das Recht des Stärkeren, und das sind die Soldaten – ob von Assad oder der FSA, das hat für die Zivilisten wenig Bedeutung. Wo Kämpfe ausbrechen, müssen sie ihre Wohnungen verlassen, die darauf meist von Soldaten einer der beiden Parteien besetzt werden. Auch Mohamads Familie ereilt dieses Schicksal. Für eineinhalb Monate leben sie bei einem Freund seines Vaters, der in einem entlegeneren, ruhigen Viertel wohnt. Als sie zurückkommen, ist von ihrem Heim nicht mehr viel übrig. Mit Mühe und Not gelingt es Mohamads Vater, seine Wohnung zurückzubekommen – den Kleidungsladen, ihre Existenzgrundlage, verlieren sie jedoch für immer. Der Bereich wurde zur absoluten No-Go-Area erklärt. Mohamad muss sein Studium nach einem Angriff auf die Universität abbrechen. Ein Flugzeug hatte Bomben abgeworfen. Da ihm der Zwangseinzug in die Syrische Armee droht, entschließt er sich, mit dem Segen und der Hoffnung seiner Familie, zur Flucht.

Das Boot sinkt tiefer und tiefer. Immer mehr Männer springen ins Wasser, um das Gewicht, das auf dem dünnen Gummi lastet, zu verringern. Unter ihnen auch einer von Mohamads Onkeln, die mit ihm die Flucht ergriffen haben. Lange hält man es in dem eiskalten Wasser nicht aus, doch die Alternative würde das Ende für alle bedeuten. Gepäck und Habseligkeiten sind längst weggeschmissen, mit ihren Schuhen schippen einige das Wasser aus dem Gefährt. Wie weit sie noch von der rettenden Küste entfernt sind, weiß niemand.

Türkei, Griechenland, Mazedonien, Ungarn, Deutschland

Mit seinen zwei Onkeln bricht Mohamad auf. Nachdem sie ein Schlepper in die Türkei gebracht hat, lebt er erst mal in Istanbul. Die Türken können die Flüchtlinge nicht leiden, sagt er. Fast jeden Tag wird er von jemand anderen beleidigt, angegriffen, verwünscht. Es dauert fast sieben Monate, bevor er in Izmir jemanden findet, der ihm anbietet, ihn nach Griechenland zu bringen, doch der Fahrer, der sie zur nächsten Station bringen soll, wartet nicht auf sie, und sie müssen es erneut versuchen. Beim nächsten Versuch werden sie von der Polizei entdeckt und fliehen – beim dritten Mal klappt es endlich.

In Griechenland angekommen, schläft er zwei lange Nächte in den Parks Athens, die er neben Heroinsüchtigen und anderen Geflüchteten verbringt, bevor er Papiere kriegt, die ihm erlauben, in Athen zu bleiben, gleichzeitig aber verbieten, die Stadt zu verlassen. Der Versuch, einen Schlepper zu finden, der ihn aus der Stadt bringt, scheitert mehrmals, bis sich doch jemand bereit erklärt. Sechs Menschen werden in einen Kleinwagen gestopft, bevor die Reise zur griechisch-mazedonischen Grenze angetreten wird. Auf der Hälfte des Weges hält der Fahrer plötzlich an, behauptet das Auto wäre kaputt, er müsse zurück und ein neues holen. Mohamad und die anderen wissen sofort, dass sie betrogen wurden. Er kann den Mann überzeugen, dass er ihn zurück nach Athen begleiten darf, die anderen warten. Der Verdacht bestätigt sich, als sie in der Stadt sind – der Fahrer hat kein anderes Auto, und will auch nur die Hälfte des Geldes für die Fahrt zurückzahlen. Wäre Mohamad nicht mitgegangen, hätten sie ihn wohl nie wieder gesehen. Zurück bei den anderen, macht er sich zu Fuß auf den Weg zur Grenze. Nach einem 12-Stunden langen Lauf erreicht er sein Ziel. Drei Tage muss er im Wald ausharren, bevor er die Grenze nach Mazedonien übertreten darf. Ein weiterer Schlepper bringt ihn geradewegs nach Belgrad. Dort besteigt er, immer noch begleitet von seinen zwei Onkeln, einen Bus zur ungarischen Grenze. Über einen Waldweg versucht er, den harten Grenzkontrollen zu entgehen. GPS, was ihm und den anderen zuvor vieles erleichterte, fällt als Wegweiser aus, da die ungarische Polizei alle Signale ortet. Nur eine Offlinekarte haben sie jetzt noch zur Verfügung.

Das Boot ist nun zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Mohamad starrt auf sein Handy – lange schon wartet er, bis sich endlich die Netzanzeige verändert, er endlich um Hilfe rufen kann. Sie sind nun seit vier Stunden auf dem Boot eingezwängt, starr vor Angst, ohne Ahnung, wo sie eigentlich hinfahren. Sein Onkel ist wieder an Bord gekommen, er sitzt zitternd am anderen Ende des Bootes. Viele fangen an zu beten, und vielleicht nehmen einige sogar schon Abschied.

Erst mal in Ungarn angekommen, lässt sich leicht jemand finden, der sie nach Budapest bringt. Hier wartet Mohamad auf den letzten Schritt seiner Flucht. Er und seine Onkel finden einen Platz in einem Lieferwagen. Mit elf anderen Flüchtlingen werden sie in die Ladefläche gezwängt. Außer Hoffen und Beten haben die Insassen wenig zu tun, hin und wieder unterhält sich jemand, doch die Angst, was passieren könnte, würden sie entdeckt, macht alle stumm. Sechs Stunden später kommen sie bei Eiseskälte in Deggendorf an und werden von der Polizei warm empfangen. Zwei Tage muss Mohamad noch in ein Camp, bevor er nach Bamberg transferiert wird. Die Flucht kostet zusammengerechnet 10.500 Euro für Mohamad und seine zwei Onkel, und sie wissen, dass sie ohne Geld dieses Land wohl nie erreicht hätten.

Es ist inzwischen hell, und plötzlich ist es da – das Funkzeichen. Mohamad wählt sofort die Nummer, die er sich im Voraus notiert hat. Am anderen Ende meldet sich die Küstenwache; nun zahlt sich das Englisch, das Mohamad als einziger auf dem Boot gelernt hat, aus. Etwa eine halbe Stunde warten sie noch in dem sinkenden Boot, bis sie das Rettungsschiff endlich auf sie zukommen sehen. Alle 40 haben überlebt. Es war nur ein kleiner Teil der Reise, und doch weiß Mohamad, dass es der gefährlichste war, als er zum ersten Mal die Küste von Lesbos erblickt.

Mohamad sitzt in einem Café in Bamberg und trinkt Latte Macchiato. Er trägt einen gepflegten Bart, spricht gutes Englisch und wirkt sehr offen. Die Last, seine Familie in Aleppo verlassen haben zu müssen, merkt man ihm nicht an. Für eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung muss er den Deutschtest mit einer Eins ablegen, jeden Tag geht er dafür in die Schule. Nebenbei betreibt er einen Blog zu den Vorgängen in Aleppo auf Facebook, den er täglich aktualisiert.

Er sagt, es sei immer noch sein Wunsch, Wirtschaft zu studieren, am besten in Bamberg, doch sein Schulabschluss sei noch nicht anerkannt. Er wolle diese Chance in Deutschland nutzen, egal was kommt. Er müsse es tun, für seine Familie. Und manchmal kommt es einem vor, als wäre er noch auf dem Boot im Mittelmeer, hin und her geschaukelt, die Zukunft ungewiss, doch mit dem unbändigen Willen, es zu schaffen.

Text: Lucas Westermann / Foto: Simone Oswald