Nur noch kurz die Welt retten?

22.05.2017
Helfen ist nicht immer leicht. Es gilt, das richtige Maß zu finden im Spannungsfeld zwischen Selbstaufgabe und Selbstfürsorge. Das zeigten Theresa Brassel und Manuel Gaenshirt in ihrem Workshop.

Helfen ist nicht immer leicht. Es gilt, das richtige Maß zu finden im Spannungsfeld zwischen Selbstaufgabe und Selbstfürsorge. Das zeigten Theresa Brassel und Manuel Gaenshirt in ihrem Workshop.

Wie man sich und seine eigenen Bedürfnisse dabei nicht vergisst.

Im Mai bot Freund statt fremd ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern einen Workshop an zum Thema „Selbstfürsorge und Abgrenzung: Auf der Suche nach dem gesunden Maß“. Die Schulung fand im Rahmen des vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration und der Stadt Bamberg geförderten Projektes „Hauptamtliche Ehrenamtskoordination Asyl“ statt, so dass Ehrenamtliche aus dem Verein gemeinsam mit Helfenden aus Einrichtungen der Stadt und des Landkreises das Thema bearbeiteten. Sie helfen in der Hausaufgabenbetreuung, der Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, im Café Willkommen oder in der Kleiderkammer, sie begleiten Flüchtlinge bei Behördengängen oder unterstützen sie durch eine Lesepatenschaft – gemeinsam ist allen Teilnehmerinnen die Tätigkeit im Bereich der Flüchtlingshilfe.

Die Workshopleiter Theresa Brassel und Manuel Gaenshirt, beide Bamberger Psychologiestudierende, gingen in kleiner Gruppe der Frage nach, wie Helferinnen und Helfer es schaffen können, die eigene Hilfsbereitschaft so zu reduzieren, dass man neben der Sorge für andere auch die eigenen Bedürfnisse und Wünsche noch wahrnehmen und sich um sich selbst kümmern kann. Brassel und Gaenshirt, die im Herbst erneut für einen Workshop zur Verfügung stehen, haben im Nachgang zu ihrem Workshop für alle, die nicht dabei sein konnten, ein paar Fragen beantwortet und darin die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst. Freund statt fremd sagt herzlichen Dank!


Sie bieten für Freund statt fremd einen Workshop für ehrenamtliche Helferinnen und Helfer an mit dem Titel „Selbstfürsorge und Abgrenzung – Auf der Suche nach dem gesunden Maß“. Was glauben Sie, warum es so schwer ist für Helfer, das gesunde Maß zu finden?

Das kann verschiedene Gründe haben: Ehrenamtliche Helfer besitzen oft einen ausgeprägten Idealismus und eine starke Sensibilität für Ungerechtigkeiten. Manchmal führt dies dazu, dass sie zu viel Verantwortung auf die eigenen Schultern nehmen und alleine „die Welt retten“ wollen. Wenn nun die Erfahrung gemacht wird, dass viele Missstände schwer zu ändern sind, entsteht eine frustrierende Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Einige Helfer weisen auch die Tendenz auf, Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen und es allen recht machen zu wollen. Zudem hören sie aus Aussagen häufig Aufforderungen oder Hilferufe heraus.

Manchmal helfen sie anderen, um sich eigenen persönlichen Problemen nicht stellen zu müssen. Hier ist Vorsicht geboten, weil das eigene Wohlbefinden vernachlässigt und zu viel Energie in das Ehrenamt investiert werden kann.

In der Flüchtlingshilfe kommt sicher erschwerend hinzu, dass viele staatliche Aufgaben auf die ehrenamtlichen Helfer abgewälzt werden, die dafür gar nicht ausgebildet sind?

Ja, durch den Mangel an Personal gibt es enorm viel zu tun. Sehr gewissenhafte Menschen engagieren sich folglich umso stärker, weil sie (häufig mit Recht) befürchten, dass die Probleme andernfalls liegen bleiben.

Gezwungenermaßen werden dann auch Aufgaben übernommen, die die eigenen Kompetenzen überschreiten. Das kann schnell zu einer enormen Arbeitsbelastung führen. Der daraus resultierende Zeitmangel lässt eine Reflexion über die eigenen Bedürfnisse und Grenzen nur schwer zu; Signale für eigene Überforderung werden somit unter Umständen nicht wahrgenommen.

Wie merkt ein ehrenamtlicher Helfer, dass er sich stärker abgrenzen und seine eigenen Bedürfnisse wieder mehr wahrnehmen muss?

Warnsignale für Überlastung zeigen sich im Denken, Fühlen, Verhalten und auf körperlicher Ebene!

Was das Denken angeht, sollte man zum Beispiel aufmerksam werden, wenn man sich vermehrt Sorgen macht und grübelt, pessimistisch wird, wenn das Denken allgemein langsamer und schwerfälliger wird, wenn die Kreativität abnimmt oder sich eine negative Einstellung zur Arbeit herausbildet.

Typische auf die Gefühle bezogene Signale sind, dass das Interesse und der Spaß an Hobbys und angenehmen Aktivitäten nachlässt, dass Gereiztheit, Ärger und Frustration zunehmen und sich Gefühle von eigener Unzulänglichkeit, Gleichgültigkeit, Schuld oder Sinnlosigkeit einstellen.

Beispiele für Verhaltenssignale sind weniger Zeit für Familie, Freunde und Hobbys, vermehrte Konflikte und Streitigkeiten oder auch häufiger Konsum von Alkohol und anderen Substanzen zur Stressbewältigung.

Körperliche Symptome könnten Erschöpfung und Müdigkeit sein, Verspannungen, Kopf- oder Bauchschmerzen, Schlafprobleme, Appetitveränderungen, Bluthochdruck oder vermehrte Krankheiten und Infektanfälligkeit. Psyche und Körper sind miteinander verbunden und der Körper wehrt sich bei zu starker Beanspruchung.

Haben Sie ein paar konkrete Ratschläge für die Selbstfürsorge?

Am besten wirkt der Austausch mit anderen und das Annehmen von Unterstützung und Hilfe. Hierzu braucht man keine ausgebildeten Therapeuten, es ist schon entlastend, einfach mit anderen Betroffenen über die eigenen Schwierigkeiten und Erfahrungen zu sprechen. Dies kann neue Perspektiven eröffnen und verschüttete Energien freisetzen.

Ebenfalls wichtig ist es, von Zeit zu Zeit in den eigenen Körper „hinein zu hören“ und

Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen. Dabei können Atem- und Entspannungsübungen oder auch Meditation unterstützend wirken. Vielen Menschen hilft es, sich bei starken Belastungen an einen sicheren inneren Ort zurückzuziehen, um wieder Kraft zu tanken. Um effektiv abschalten und zur Ruhe kommen zu können sind Pausen und Urlaube sehr wichtig, denn nur durch sie bleiben wir gesund und leistungsfähig.

In der Freizeit darf man sich gerne immer wieder mit kleinen Dingen selbst belohnen und sich Freude bereiten. Es bringt erstaunlich viel, Dankbarkeit zu üben und sich zum Beispiel jeden Abend kurz Zeit zu nehmen, um drei schöne Dinge aufzuschreiben, die den Tag über geschehen sind. Im Allgemeinen ist Sport und künstlerischer Ausdruck – wie zum Beispiel Schreiben, Malen oder Tanzen – ein Weg zu mehr innerer Ausgeglichenheit.

Und wie steht es mit der notwendigen Abgrenzung?

In der Praxis sind vor allem zwei Dinge zu empfehlen: Zum einen ist es gut, klare Grenzen zu ziehen zwischen Ehrenamt und sonstiger Freizeit. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass man feste Zeiten vereinbart, in denen man telefonisch erreichbar ist oder Hilfe anbieten kann, während die sonstige Zeit sich selbst, der Familie und Freunden vorbehalten ist.

Zum anderen ist es wichtig, Nein sagen zu können; eine Fähigkeit, die jeder Helfer mit der Zeit erlernen muss. Konkret bedeutet das, sich bei Anfragen einen kurzen Moment Zeit zu nehmen und folgende Fragen für sich zu klären: „Wie dringlich ist die Bitte? Will ich das überhaupt? Habe ich dazu gerade Zeit und Energie? Kann ich die Aufgabe an jemand anderen delegieren?“ Bei einer Ablehnung der Bitte ist keine Rechtfertigung erforderlich. Ein einfaches „Nein, das wird mir gerade zu viel“ reicht schon völlig aus.

Text: Manuel Gaenshirt, Foto: Simone Oswald

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