Vereinsgeschichte

Freund statt fremd – eine dynamische Vereinsgeschichte

Am Anfang stand eine Idee: Geflüchteten in und um Bamberg sollte geholfen werden. Aus der anfänglichen Idee wurden konkrete Taten, die bis heute Menschen zusammenführen und verbinden. Bei Freund statt fremd e.V. begegnen sich Menschen aus nah und fern, gemeinsam prägen sie die junge Geschichte des gemeinnützigen Vereins, der in kurzer Zeit eine außergewöhnliche Entwicklung vollzogen hat.

Aus vier wird eins – die Initiative Freund statt fremd entstehtMeilensteine der Vereinsgeschichte

Vor dem Bürgerkrieg in Syrien und den daraufhin steigenden Flüchtlingszahlen war das Thema Flucht und Asyl in Bamberg, wie im Rest Deutschlands, wenig präsent. Dennoch organisierten studentische Initiativen und caritative Einrichtungen bereits 2010 ehrenamtlich geleitete Sprachkurse, individuelle Patenschaften oder gemeinsame Fahrradreparaturen. Dies waren die ersten Anläufe, um Asylsuchenden vor Ort aktiv zu helfen. Zugleich war es eine wertvolle Grundlage für die oberfränkische Flüchtlingshilfe, die sich in den folgenden Jahren organisieren sollte. So mussten Ende 2011 dringend neue Flüchtlingsunterkünfte eingerichtet, Hilfsstrukturen bereitgestellt und die ehrenamtlichen Unterstützungsleistungen in und um Bamberg ausgeweitet werden.

Auf Initiative der Grünen Alternativen Liste Bamberg (GAL) wurde am 13.10.2011 die damalige Vorsitzende Christel Stein vom Bayreuther Verein Bunt statt Braun e.V. nach Bamberg eingeladen. Ihr Vortrag über ehrenamtliche Flüchtlingshilfe stieß auf reges Interesse und es setzte sich die Überzeugung durch, dass die Integration geflüchteter Menschen auch in Bamberg eine wichtige Aufgabe darstellt. Ein Vortrag der Autorin Filiz Penzkofer ermöglichte Einblicke in die bereits laufende Flüchtlingsarbeit in Forchheim. Das durch die Vorträge aufkommende Interesse für die Arbeit in der Flüchtlingshilfe stieg weiter an.

Freund-statt-fremd-Flyer mit blauem Logo

Logofarbe blau zu Beginn der Initiative, später wurde das Vereinsdesign dann grün.

Nur wenige Tage später, am 18.11.2011, kam es auf Einladung der GAL zu einem Runden Tisch der relevanten Gründungsorganisationen, bestehend aus der Evangelischen Studierendengemeinde (esg), der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Gruppe um Filiz Penzkofer sowie dem Verein Kulturmosaik e.V. und zahlreichen Interessierten. Der gemeinsame Wunsch zu helfen, eine ähnliche Zielsetzung und die bereits existierenden Helferstrukturen waren eine gute Grundlage für die Kooperation. Aus den vielfältigen sozialen Initiativen und den vielen Interessierten wurde eine überkonfessionelle und überparteiliche Bewegung: die Initiative Freund statt fremd war geboren. Mit dem übernommenen Namen der Filiz-Gruppe und unter den bereits etablierten Vereinsstrukturen von Kulturmosaik wurden bei regelmäßigen Organisationstreffen gemeinsame Aktionen, ungeachtet der vorherigen Zugehörigkeit einer Gruppe, geplant und umgesetzt.

Die Initiative wächst – drei Jahre nonstop

Die Kernziele kristallisierten sich schnell heraus: Für die nach Bamberg kommenden Menschen als erste Anlaufstelle zu fungieren und ihnen in allen Bereichen des Lebens zu helfen, damit sie langfristig den Alltag selbstständig bewältigen können. Doch mit dem Anstieg der Flüchtlingszahlen wuchsen auch die Aufgaben und Herausforderungen in und um Bamberg. Neben den bereits etablierten Deutschkursen und Patenschaften erweiterte sich das Tätigkeitsfeld der aktiven Helferinnen und Helfer und es bildeten sich erste Arbeitskreise. Je mehr Menschen kamen, umso unersetzlicher wurde die aktive Arbeit der Ehrenamtlichen.

Die Arbeit der Initiative wurde immer vielseitiger und zugleich auch politischer – und die Aufmerksamkeit wuchs.

Die Arbeit der Initiative wurde immer vielseitiger und zugleich auch politischer – und die Aufmerksamkeit wuchs.

Die neuen Gegebenheiten nahm Freund statt fremd zum Anlass, auf die politische Brisanz der Situation vieler Asylsuchender hinzuweisen. Mit einer 2012 organisierten Unterschriftenaktion für eine Aufstockung des Flüchtlingshilfebudgets durch die Stadt sowie einer medienwirksamen Aktion zur Abschaffung der Essenspakete 2013 trat Freund statt fremd immer sichtbarer für die Anliegen der Geflüchteten ein. Ein weiteres Beispiel für persönliche und direkte Hilfe der Initiative ist die Amina Spendenaktion: Um dringende chirurgische Eingriffe bei einem jungen Mädchen namens Amina zu finanzieren, wurden die Bürgerinnen und Bürger zu einer Spendenaktion aufgerufen. Die Spendenbereitschaft war so überwältigend, dass neben der erfolgreichen Operation ein „Amina Fond“ aus den übrigen Gelder gegründet wurde, aus dem noch heute gesundheitliche Maßnahmen für Geflüchtete finanziert werden.

Die Aktionen verfehlten nicht ihre Wirkung und erzeugten ein mediales Echo. Die Stadt Bamberg würdigt Freund statt fremd 2013 mit dem Integrationspreis. Viel wichtiger als die finanzielle Unterstützung war für die Initiative der zunehmende Zuspruch aus der Bevölkerung.

Von der Initiative zum Verein – neue Aufgaben entstehen,
neue Strukturen werden eingerichtet

Im Dezember wird dann der Entschluss gefasst, aus der losen Initiative heraus einen Verein zu gründen. Im Januar 2015 erfolgt der entscheidende Schritt der Eintragung ins Register – dieser markiert bis heute den Beginn des eigenständig agierenden und gemeinnützigen Vereins Freund statt fremd e.V. Zugleich wird weiterhin auf flache Hierarchien und basisdemokratische Entscheidungsstrukturen geachtet.

Durch einige Helferkreise im regionalen Umland bereichert Freund statt fremd mittlerweile die Flüchtlingsarbeit über die Stadtgrenzen hinaus. Der Verein steht lokal wie überregional in engem Kontakt mit örtlichen Behörden, öffentlichen Trägern und ehrenamtlichen Vereinen und fügt sich in das Kooperationsnetzwerk der Flüchtlingsarbeit ein.

Aufmerksamkeit wecken, für ehrenamtliche Arbeit werben: Bei zahllosen Gelegenheiten tritt Freund statt fremd öffentlich auf, sucht das Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern und wirbt neue Mitglieder.

Aufmerksamkeit wecken, für ehrenamtliche Arbeit werben: Bei zahllosen Gelegenheiten tritt Freund statt fremd öffentlich auf, sucht das Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern und wirbt neue Mitglieder.

Im Laufe des Jahres 2015 gewinnt Freund statt fremd über 300 neue Mitglieder. Der explosionsartige Zuwachs an hilfsbereiten Bambergerinnen und Bambergern, deren Anfragen und der damit verbundene Kommunikations- und Beratungsaufwand stellt den ehrenamtlichen Vorstand und die ehrenamtlich aktiven Helfer vor eine neue koordinatorische Herausforderung. Um den wachsenden Herausforderungen und steigenden Bedürfnissen rund um das Thema Flucht, Asyl und Integration gerecht zu werden, verfestigen sich die bereits existierten Arbeitskreise und neue Schwerpunkte kommen hinzu. Die Arbeitskreisstruktur bietet bis heute eine gute Möglichkeit, die Aufgaben in kleineren Einheiten schlanker und effizienter strukturieren und bewältigen zu können. So teilen sich 17 Arbeitskreise die Aufgaben: von der Betreuungsarbeit in der Aufnahmeeinrichtung über die Durchführung von Sprach- und Integrationskursen, die Hilfe bei der Wohnungssuche bis zur Gestaltung von Freizeitangeboten und dem Betrieb einer Kleiderkammer.

Zudem wurden 2015 innerhalb von wenigen Monaten Hunderte geflüchtete Menschen auf dem ehemaligen Kasernengelände (ehemals ARE; nun Aufnahmeeinrichtung Oberfranken – AEO) im Bamberger Osten untergebracht, das dadurch zu einem Brennpunkt der Flüchtlingsarbeit in Bamberg geworden ist. Freund statt fremd stellt zwei Mitglieder für das städtische Ombudsteam der AEO. Zusammen mit diesen beiden setzen sich zahlreiche Mitglieder im Arbeitskreis Aufnahmeeinrichtung für die Anliegen vor Ort ein. Dem Verein werden durch die Regierung Oberfranken Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, um ein Spielzimmer für die vielen Kinder und – ein Jahr später – das Café Willkommen für die erwachsenen Bewohner zu betreiben.

Ob beim Sport, bei gemeinsamen Unternehmungen oder beim Ausflug mit gemeinsamem Grillabend – Fremde werden Freunde durch Begegnung.

Ob beim Sport, bei gemeinsamen Unternehmungen oder beim Ausflug mit gemeinsamem Grillabend – Fremde werden Freunde durch Begegnung.

Der Verein wächst an seinen Herausforderungen und mit diesen wachsen die Menschen zusammen. Dies erkannte 2015 auch Aktion Mensch und unterstützte die ehrenamtliche Arbeit des Vereins mit einer Projektförderung, die der professionellen Vermittlung und Betreuung der Patenschaften und damit dem Vereinsziel zugutekommt: den ankommenden Menschen den Zugang zum gesellschaftlichen Leben zu erleichtern und sie langfristig in die Gesellschaft zu integrieren. Für den Projektzeitraum werden die Patenschaften von zwei hauptamtlichen Koordinatorinnen mit einem Stellenumfang von jeweils 15 Wochenstunden organisiert.

Verbesserte Organisation durch neue Stellen – und eine eigene Begegnungsstätte

Die stetig wachsenden Aufgaben sowie die stetig wachsende Mitgliederzahl machte einige organisatorische und strukturelle Veränderung nötig, die das Jahr 2016 prägten:

Auf die große Nachfrage nach ehrenamtlicher Tätigkeit reagierte Freund statt fremd durch die Einrichtung einer Koordinationsstelle: Finanziert durch das Bayerische Staatsministerium für Arbeit, Soziales, Familie und Integration gibt es im Verein seit Januar 2016 eine hauptamtliche Ehrenamtskoordinatorin mit einem Stellenumfang von 10 Stunden/Woche. In Zusammenarbeit mit der Ehrenamtskoordination Asyl der Stadt Bamberg und der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ist sie erste Ansprechpartnerin für alle an einer ehrenamtlichen Mitarbeit interessierten Bamberger. Sie informiert über mögliche Tätigkeitsfelder und berät und vermittelt Interessierte gezielt in die einzelnen Arbeitskreise. Zu ihren Aufgaben gehört auch die Organisation von Austauschtreffen und Fortbildungen sowie die Unterstützung der Helferinnen und Helfer bei Fragen und Problemen.

Um die Kommunikation zwischen den Flüchtlingen in den Unterkünften und den Helfern und Arbeitskreisen zu verbessern, wurden im Sommer 2016 außerdem vier Netzwerkerstellen eingerichtet, die als unmittelbare Kontaktpersonen in den Flüchtlingsunterkünften aktiv sind und wichtige Informationen und Angebote an die Geflüchteten weitertragen. Umgekehrt fragen sie die Bedarfe der Geflüchteten ab und tragen Neuigkeiten aus deren Kreisen an den Verein heran.

Anfang Dezember 2016 eröffnet Freund statt fremd seine Begegnungsstätte Haus.Frieden.

Anfang Dezember 2016 eröffnet Freund statt fremd seine Begegnungsstätte Haus.Frieden.

Im November 2016 eröffnete Freund statt fremd schließlich – zunächst für ein Jahr – seine eigene Begegnungsstätte in der Eisgrube 18: Haus.Frieden heißt das offene Haus für Geflüchtete, Aktive und Bürger. Es ist ein Ort des kulturellen Miteinanders und des menschlichen Austausches. Hier kann nun die Vereinsarbeit koordiniert und weiterentwickelt werden. Zugleich ist Haus.Frieden ein zentraler Treffpunkt, an dem Geflüchtete, Helfer und Interessierte sich begegnen, austauschen und miteinander arbeiten können.

Bei der Mitgliederversammlung im Februar 2017 haben sich die Mitglieder dafür ausgesprochen, eine Geschäftsstelle einzurichten, die zukünftig für die regelmäßigen und organisatorischen Vereinsaufgaben zuständig sein wird – und auch die Kontaktadresse pflegt, damit Anliegen noch schneller weitergeleitet und bearbeitet werden können.

Der Verein im Hier und Jetzt

Freund statt fremd e.V. ist zu einer Instanz in der regionalen Flüchtlingshilfe geworden. Das über Jahre hinweg aufgebaute Vertrauen und die gesammelte Expertise ermöglicht es dem Verein, politische und gesellschaftliche Prozesse aktiv mitzugestalten. Als Ersthilfestelle in der Aufnahmeeinrichtung setzt sich der Verein auch weiterhin für die Einzelschicksale der Menschen ein. Darüber hinaus bietet er den geflüchteten Menschen eine Anlaufstelle für praktische Hilfe und den Bürgerinnen und Bürgern ein Forum der Kontaktaufnahme. Seine basisdemokratische Struktur ermöglicht die zeitnahe Anpassung an die sich schnell wandelnden, zum Teil unübersichtlichen Handlungsfelder der Flüchtlingshilfe. In regelmäßigen Zukunftswerkstätten wird die Arbeit des Vereins selbstkritisch analysiert und feinjustiert. Hier werden neue Ziele abgesteckt, um den Ansprüchen der Gegenwart sowie der nahen Zukunft gerecht zu werden.

Ehrenamt ist kein Selbstläufer und Integration kein Automatismus. Die sich wandelnde politische Lage und die stagnierende Helferzahl erschwert die wichtige Arbeit der Vereinsmitglieder und der Unterstützerinnen und Unterstützer. Neue Herausforderungen stehen an, politisch, gesellschaftlich und kulturell. Es wird noch lange dauern, bis die ehrenamtliche Hilfe der Mitstreiterinnen und Mitstreiter von Freund statt fremd e.V. überflüssig geworden ist – und doch ist es auf Dauer das Ziel des Vereins, überflüssig zu werden. Erst wenn Integration zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, endet seine Geschichte. Bis dahin bleibt das Vereinsziel: aus Fremden Freunde machen.

von Joachim Wondrak