Zeichen setzen für eine offene Gesellschaft – Handwerkszeug für Stammtischkämpfer

05.08.2017
Stammtischkämpfer in Aktion: In Rollenspielen ...

Stammtischkämpfer in Aktion: In Rollenspielen …

„Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg!“, „Wir können ja nicht die ganze Welt hier aufnehmen!“, „Deutschland wird vom Islam unterwandert!“ Mit ähnlichen Parolen, Verallgemeinerungen und wilden Verschwörungstheorien sind viele schon in Kneipen, Wartezimmern, auf der Straße oder auch im Bekannten- oder sogar Familienkreis konfrontiert worden. Doch so groß der Ärger darüber und der Wunsch, seine Stimme zu erheben und für Humanität und Toleranz einzustehen, auch sind, oft fehlt es in Alltagssituationen an Mut oder den richtigen Strategien, um solchen Aussagen angemessen zu begegnen. Fehlende Argumente, Emotionen bzw. Angst vor offener Konfrontation, aber auch persönliche Beziehungs- und hierarchische Verhältnisse und Gruppendynamiken stellen zusätzliche Hindernisse dar.

Dieser Problematik hatte sich am 15.7.17 ein Workshop mit dem couragierten Titel „Stammtischkämpfer-Ausbildung“ angenommen, der gemeinsam vom Bamberger Bündnis gegen Rechtsextremismus, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten Bamberg und Freund statt fremd organisiert wurde. Geleitet von drei ambitionierten, jungen Teamern der Vereinigung Netzwerk gegen Rassismus, bestand der Teilnehmerkreis aus einem Querschnitt durch alle Altersklassen und persönlichen Motivationen, was zu einem regen Austausch führte.

In einem ersten Workshop-Block trugen die rund 20 Teilnehmer eine Vielzahl unterschiedlichster gesprächstechnischer Möglichkeiten der Entgegnung bei rassistischen und fremdenfeindlichen Parolen zusammen.

Zum Beispiel „eine gemeinsame Ebene finden und aktiv zuhören“: Hier wird ausgelotet, inwieweit und wo eine Verständigung mit dem Gegenüber denkbar und möglich erscheint. Es kommt dabei darauf an, dem Gegenüber im und durch das aktive Zuhören und Verstehen seiner Position neue Sichtweisen zu ermöglichen.

Oder auf einzelne Punkte konzentrieren“, was sich anbietet, wenn das Gegenüber einen wilden Mix aus unzusammenhängenden Behauptungen von sich gibt; hier ist es empfehlenswert, sich auf wenige Teilaussagen zu konzentrieren.

Oder Storytelling“, bei dem man persönlich erlebte Geschichten und Einzelschicksale wiedergibt und für sich sprechen läßt; bei evtl. expliziter Aufforderung an das Gegenüber, sich beispielsweise in die Lage eines Geflüchteten zu versetzen, gelingt es bisweilen, ein Umdenken bzw. zumindest Betroffenheit auszulösen.

Eine weitere Möglichkeit: Wenn man sich z. B. in einer aufgeheizten Menschenmenge befindet oder unter anderen Umständen, in denen man sich nicht wohl fühlt, kann ein Ortswechsel in eine ruhigere Situation eine diskussions- und ergebnisförderliche Wirkung haben.

Mit „Ich-Botschaften, also Aussagen mit Ich-Bezug in möglichst neutralem und feststellenden Ton,  kann vermieden werden, dass das Gegenüber sich angegriffen fühlt und von vorneherein eine Abwehrhaltung einnimmt.

Auch ein Abbruch der Unterhaltung ist eine legitime Lösung, z.B. wenn das Gegenüber für Argumente nicht empfänglich ist, zu persönlichen Angriffen übergeht oder man sich in der Situation nicht wohl fühlt. Der Klügere darf auch nachgeben.

Stammtischkämpger-Strategien

… wurden verschiedene, zuvor gesammelte Strategeien geübt.

Die unvollständige Aufzählung verdeutlicht: Entgegnungen können ganz unterschiedlicher Natur sein, und je nach Situation können ganz unterschiedliche Techniken zum Ziel führen. Deshalb ist es zunächst einmal wichtig, sich der Situation bewusst zu werden und die Person des Gegenübers bzw. die eigene Rolle zu antizipieren: Wie überzeugt ist mein Gegenüber und wie schätze ich ihn ein? Lohnt es sich zu diskutieren oder reicht es, sich nur zu positionieren?

„Es ist hilfreich, sich einzelne mögliche Strategien zu vergegenwärtigen“, erzählt eine Teilnehmerin, „aber von zentraler Bedeutung ist vor allem die Hauptbotschaft des Workshops: Es ist nicht so wichtig, ob man ein reichhaltiges Faktenwissen hat, oder ob man alle denkbaren Gesprächsstrategien beherrscht. Am wichtigsten ist es, sich nicht lähmen zu lassen und nicht stumm zu bleiben, sondern irgendwie zu entgegnen.“

So stand der zweite Hauptblock des Seminars unter dem Motto „die Schrecksekunde überwinden“. In einer Art Speed-Argumentieren wurde geübt, eine fremdenfeindliche Äußerung nach der anderen zu parieren. „Entscheidend ist dabei, dass man sich traut, die Initiative zu ergreifen und seine Stimme zu erheben. Selbst wenn die Diskussion scheitert, so hat man vor allem für sich, aber auch für eine offene Gesellschaft ein Zeichen gesetzt!“, so ein Teilnehmer, der stellvertretend für viele andere zusammenfasst: „Zu Entgegnungen wird man befähigt durch Tun und Üben, nicht durch Ableiten und Zurechtlegen von Entgegnungen. Deshalb sind solche übenden Workshops durch nichts zu ersetzen.“

Die Veranstalter, selbst auch Teilnehmer, habe diese Botschaft verstanden und aufgenommen. Es soll nicht bei diesem einen Workshop bleiben: Das Stammtischkämpfer*innenseminar findet am Samstag, den 28.10.17, von 11:00 -16:00 im DGB-Haus, Starkenfeldstr.21 statt.

Text und Bilder: Elisaveta Kogan

 

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