„Was auf dem Mittelmeer geschieht, ist nur die Spitze des Eisbergs“

medico-Migrationsreferentin Ramona Lenz zu Gast bei Mahnwache – Anschließend Vortrag und lebhafte Diskussion im Lui20

Auf geht’s: Mahnwache am 13. Mai zur Europawahl

Die Bamberger Mahnwache Asyl am 13. Mai stand ganz im Zeichen der anstehenden Europawahl – und der Bedeutung der europäischen Grenzschutz- und Asylpolitik für Migrant*innen und Geflüchtete. „Für kaum eine Unionsbürgerin haben die Entscheidungen der EU so weitreichende und existenzielle Folgen wie für sie“, unterstrich Ramona Lenz, Migrationsreferentin der Nichtregierungsorganisation medico international und Gastrednerin auf der Mahnwache.

Ramona Lenz zu Gast bei Mahnwache

Aus der Zusammenarbeit der NGO mit Partnerorganisationen im globalen Süden weiß sie um die Langzeitfolgen der europäischen Abschottungspolitik – und berichtete von menschlichem Leid jenseits des deutschen und europäischen Wahrnehmungshorizonts. „Was auf dem Mittelmeer geschieht, ist nur die Spitze des Eisbergs. Viele Menschen erreichen das Meer erst gar nicht, weil sie entlang der immer gefährlicher werdenden Flucht- und Migrationsrouten blockiert werden – oder bereits tausende Kilometer von uns entfernt ihr Leben verlieren.“ So ist die Sahara in den letzten Jahren zur Todeszone geworden.

Poetry Slammerin Maron Fuchs ruft auf zu Engagement für Geflüchtete

Wirkliche Perspektiven in den Heimatländern würden trotz Investitionsprogrammen der EU kaum geschaffen. Abschiebung und freiwillige Rückkehr bedeuten vielmehr erneute Unsicherheit – und führen häufig zum wiederholten Aufbruch nach Europa. Anlässlich des 70. Jahrestags des Grundgesetzes Ende Mai fordert medico international deshalb ein Bleiberecht „für alle, die auf Dauer hier leben wollen“.

Unterstrichen wurde Lenz’ Appell vom Beitrag der jungen Poetry Slammerin Maron Fuchs, in dem sie zu politischem Engagement für Geflüchtete und zur Pflege einer aktiven, europäischen Erinnerungskultur aufruft.

[https://www.youtube.com/watch?v=ISVNYT8aLXw,
Poetry Slammerin Maron Fuchs über die gegenwärtige Geschichtsvergessenheit]

Vortrag und Diskussion im Lui20

Ramona Lenz bei ihrem Vortrag im Lui20

Nach der Mahnwache lud Freund statt Fremd zu einem Vortrag Ramona Lenz‘ im Lui20. Dort beleuchtete sie die Hintergründe und Zusammenhänge der deutschen und europäischen Entwicklungszusammenarbeit mit afrikanischen Staaten – und den teils verheerenden Folgen für die heimische Wirtschaft und Kulturen. Dabei betonte sie die besondere Rolle ostafrikanischer Länder als Aufnahmestaaten. So befindet sich das zweitgrößte Flüchtlingslager der Welt im ugandischen Bidi Bidi. Die humanitäre Hilfe für diese Länder wurde seitens der EU jedoch drastisch reduziert – und unser Wissen um die Leistung jener Staaten ist im besten Falle begrenzt. Stattdessen würden fragwürdige Deals mit Libyen, dem Niger oder Tschad abgeschlossen, um Menschen an der Flucht nach Europa zu hindern. Die Einschränkung der Mobilität in der Sahel-Zone stellt dabei eine Bedrohung für nomadische Kulturen dar: „Letztlich landen die Menschen in den Städten, verarmen und entschließen sich zum Aufbruch nach Europa.“ Wo aktiv in Entwicklungshilfe investiert wird, wie etwa im Falle Malis, beobachtet Lenz nur eine geringe, wenn nicht gar kontraproduktive Wirkung. So entstand mit EU-Geldern dort etwa eine Fabrik, deren Fertigungsprozesse auf Mechanisierung beruhen – neue Arbeitsplätze wurden nicht geschaffen.

Im vollbesetzten Lui20 wurde im Anschluss an den Vortrag lebhaft diskutiert, wobei die Frage im Raum stand, wie man als EuropäerIn an der Situation etwas verändern könne. Lenz‘ Antwort: „Veränderung beginnt damit, die Problematiken in den öffentlichen Fokus zu rücken. Die Veranstaltung heute Abend ist also schon einmal ein Anfang.“

Text und Bilder: Katharina Stahl