Bild von Hayat im Spielzimmer

Spielzimmer: Wo geflüchtete Kinder das Vertrauen wieder finden

Bis zu 30 Kinder halten sich an gut frequentierten Tagen im Spielzimmer des Bamberger Ankerzentrums auf. Dafür stehen derzeit insgesamt fünf aktive Ehrenamtliche bereit. Jochen Zerbes war zu Besuch.

Treffpunkt: Gate 1. Darüber läuft der motorisierte Verkehr ins bzw. aus dem Bamberger Ankerzentrum raus. In der Mitte der Straße befindet sich ein „Pförtnerhäuschen“. Darin sitzt, bei 38 Grad im Schatten und ohne Klimatisierung, ein trotz allem immer noch freundlicher, junger Wachmann, der zuerst die Formalitäten klären muss, damit ich überhaupt reindarf.

Hayat übernimmt. Als Leiterin des Spielzimmers, das sich im Ankerzentrum befindet, ist sie offiziell akkreditiert und der Security bekannt. Auf ihrem Handy zeigt sie dem jungen Mann eine E-Mail, aus welcher die Anmeldung meiner Person hervorgeht. Ein kurzer Anruf, dann darf ich da rein, wo ich vor Jahren schon einmal war – damals, um über das Café Willkommen zu berichten.

Heute geht’s ums Spielzimmer. Die Regierung von Oberfranken stellt die Räumlichkeiten Freund statt fremd nunmehr seit zehn Jahren für diesen Zweck zur Verfügung. Es geht die Treppen rauf, in den ersten Stock. Dort befindet sich, in einer ehemaligen und sehr großzügigen Wohnung, wo einst eine Familie eines US-amerikanischen Soldaten zu Hause war, das Spielzimmer. Hayat sperrt auf, geht dann direkt auf den Balkon und hängt das Spielzimmer-Banner raus, damit es für alle zu sehen ist. „Das ist das Zeichen, dass wir geöffnet haben“, sagt die gebürtige Marokkanerin.

Seit gut sechseinhalb Jahren engagiert sich Hayat mit großer Hingabe ehrenamtlich im Spielzimmer. Aber nicht nur dort ist die gelernte Einzelhandelskauffrau aktiv. Schon lange engagiert sie sich freiwillig bei Freund statt fremd – u. a. als Übersetzerin oder wie zuletzt im Rahmen der Interkulturellen Wochen, wo sie mit ihren selbst gekochten kulinarischen Spezialitäten aus der marokkanischen Küche die Menschen begeisterte. Und: Hayat ist zertifizierte Tagesmutter UND ausgebildete muslimische Seelsorgerin. Sie verfügt insofern über weitreichende Kompetenzen in der Beratung, Begleitung, Betreuung, sowie in der pädagogischen Arbeit.  Es sei ihr sehr wichtig, dass sich jemand um Geflüchtete kümmert, erstrecht um Kinder, sagt die zertifizierte Tagesmutter. Denn gerade für die Kleinen sei eine Flucht und die fremde Umgebung, in sie hineingeworfen würden, mit einem Schock, einem Trauma vergleichbar. Hayat weiß selbstverständlich, wie sie mit solchen Fällen umgehen muss, denn sie ist auch ausgebildete muslimische Seelsorgerin und kennt die Nöte ihrer Schützlinge.

Schuhe aus und Hände waschen!

Dann unterbricht ein Klopfen an der Tür Hayat: „Ah, das sind schon unsere ersten Gäste.“ Langsam öffnet sich die Tür und ein Mädchen im Grundschulalter steckt neugierig ihren Kopf durch den Spalt. Hayat winkt sie herein. Das Mädchen lacht und öffnet die Tür dann ganz. „Das ist Dilara*“, klärt mich Hayat auf. Dilara hat ihren kleinen Bruder Aram* dabei.  Schüchtern betritt das kurdische Geschwisterpaar das Spielzimmer. Beide ziehen ihre Schuhe aus und gehen direkt ins Bad, um sich die Hände zu waschen. „Das müssen alle Kinder, die hierher kommen zuerst tun: Schuhe aus und Hände waschen“, erklärt Hayat.

Bis zu 30 Kinder halten sich an gut frequentierten Tagen im Spielzimmer auf. Dafür stehen derzeit insgesamt fünf aktive Ehrenamtliche bereit, die sich in ihren Diensten untereinander abwechseln und das Spielzimmer zu zweit öffnen. Weiter fünf haben sich u. a. aus beruflichen Gründen vorübergehend abgemeldet, wollen aber weiter machen.

Unter den „Aktiven“ befindet auch ein Mann. „Wir suchen explizit auch Männer“, sagt Hayat. Sie würden im Spielzimmerumfeld oftmals als Vaterfigur fungieren, hat Hayat beobachtet. Die fehle den Kleinen tatsächlich oftmals. „Wenn unser männlicher Kollege Dienst hat, stürzen sich einige der Kinder regelrecht auf ihn, um mit ihm Kicker zu spielen.“

Kürzere Öffnungszeiten wegen Personalknappheit

Grundsätzlich lässt die personelle Besetzung mit insgesamt fünf Ehrenamtlichen aber nur kürzere Öffnungszeiten zu. Es liege zwar eine Genehmigung von Montag bis Freitag, von 10:00 bis 17:00 Uhr, vor. Aber: Aufgrund der angespannten Personalsituation könne man derzeit leider nur dienstags und mittwochs von 13:00 Uhr bis 15:00 Uhr sowie donnerstags und freitags von 14:00 bis 15:00 Uhr öffnen. „Das ist tatsächlich sehr schade“, bedauert Hayat. Denn sie weiß um die enorme Bedeutung des Spielzimmers. „Wie gesagt: Viele der Kinder sind durch die Fluchterfahrung traumatisiert“, erklärt sie. Spielen sei deshalb gerade für Kinder ein sehr wichtiges therapeutisches Instrument. „Man kann hier im Spielzimmer sehr gut beobachten, wie das Lachen in ihre Gesichter zurückkehrt, wie das Vertrauen zurückkehrt.“ Das zu sehen, sei immer wieder herzerwärmend.

Strahlende Kinderaugen

„Um dieses so wichtige Angebot auszuweiten, suchen wir dringend Menschen, die sich ehrenamtlich für und mit Kindern engagieren wollen. Sehr gerne und ausdrücklich auch Männer“, betont Hayat. Egal ob Studentin oder Student, ob Oma oder Opa, ob Mama oder Papa, Hayat, selbst Mutter von zwei mittlerweile erwachsenen Kindern, will ausdrücklich alle Altersgruppen für dieses Ehrenamt gewinnen. „Wer in strahlende Kinderaugen blicken will, wer Freude an der Arbeit mit Kindern hat, offen und geduldig im Umgang mit den teilweise traumatisierten Mädchen und Jungen ist, ist herzlich willkommen“, sagt sie.

Neuer Glanz

Die Wohnung besteht aus einem großen Hauptraum, über welches die Kinder das Spielzimmer betreten und u. a. ihre Schuhe ausziehen. Drum herum liegen drei weitere Zimmer: „Ein Kicker-Zimmer, ein Lese-Zimmer und ein Puppen-Zimmer“, sagt Hayat bei der Besichtigung. Die Räume, dieser doch schon in die Jahre gekommenen Wohnung sehen tatsächlich etwas abgewohnt aus. Deshalb will Hayat renovieren. „Frische Farbe soll an die Wände und das Spielzimmer in neuem Glanz erstrahlen lassen“, wünscht sich die Nordafrikanerin. „Außerdem wären tatsächlich auch etwas neuere Spielsachen gut“, sagt Hayat, während Sie auf die etwas „abgespielten“ Sachen blickt. Und tatsächlich: Dort fehlt einen Spielzeug-Auto ein Rad, der Barbie fehlt ein Arm oder es fallen Seiten aus den Lesebüchern. „Wir würden uns über tatkräftige Unterstützung, Spenden, Spielsachen und Materialien für Malerarbeiten wirklich sehr freuen“, sagt Hayat. „Vielleicht gibt es ja da draußen ja Menschen, die ein Herz für die Kinder in der AEO haben“, fügt sie voller Hoffnung an.

von Enno-Jochen Zerbes

Ehrenamtliche mit Herz gesucht

Wer sich ehrenamtlich im Spielzimmer engagieren will, wendet sich bitte per E-Mail an ehrenamt@freundstattfremd.de. 

Wer das Spielzimmer mit Geld-Spenden für die Renovierung unterstützen will:

Freund statt fremd e. V. Bamberg
IBAN: DE40 7705 0000 0302 7683 61
Verwendungszweck „Spielzimmer“
BIC: BYLADEM1SKB

Das Spielzimmer freut sich auch über Sachspenden, insbesondere über Spielsachen aller Art. Die können Montag 16-18 Uhr, Dienstag und Donnerstag von 15 -17 Uhr und Samstag von 10-12 Uhr in der Kleiderkammer „Jacke wie Hose“ des Vereins Freund statt fremd in der Neuerbstr. 18 abgegeben werden.