Alte Fahrräder werden wieder repariert.

Lords oft the Bikes

Damit Integration gelingen kann, muss eine wesentliche Voraussetzung erfüllt sein: Mobilität. Aus diesem Grund nutzen geflüchtete Menschen, die in Bamberg gelandet sind, gerne die Möglichkeiten der Freund statt fremd-Fahrradwerkstatt. Sie bereitet alte Fahrräder auf und verwandelt die Drahtesel wieder in verkehrssichere Vehikel. Das alles kostenlos und ehrenamtlich. Ein Besuch in der Posthalle im Lagarde-Quartier, der Heimat der Fahrradwerkstatt.

Es hört sich halt cool an, aber die Überschrift „Lords of the Bikes“ stimmt nicht ganz. Denn in der Fahrradwerkstatt mischt auch eine Frau mit. Sie heißt Petra und ist die Chefin der Checklisten, die sie mit jeder/m MonteurIn nach dem Vier-Augen-Prinzip vor der Herausgabe eines Fahrrads an einen Kunden akribisch durchgeht. Bis hierhin haben die durchweg gebrauchten Räder einen Werkstatt-Marathon hinter sich.

Chef ist relativ

Die Werkstatt überwacht Jürgen. Er ist hier der Chef, ein echter Tausendsassa und ein echtes Freund-statt-fremd-Urgestein. Er hat für den Verein schon bei Umzügen mitgeholfen und Küchen aufgebaut. „Das wurde mir dann aber zu viel “, sagt der Ruheständler. Also hat sich Jürgen einer neuen Aufgabe, nein, Aufgaben gewidmet. Er ist jetzt auch Freund statt fremd-Vorstand. Und er hat vor vier Jahren in der Fahrradwerkstatt angefangen. „Zuerst als Schrauber.“ Bis der vorherige Chef eine Weltreise antrat. Dann übernahm Jürgen, der nicht gerne „Chef“ genannt wird. „Chef ist relativ. Ich mache eigentlich alles“, sagt der Pensionär.

Auch Kloputzen. „Hier in der Posthalle ist keine Toilette eingebaut.“ „Ja, dann habe ich halt eine Camping-Toilette in die alte Toilette reingestellt.“ Seitdem steht mit Filzstift „WC“ an die Außenwand geschrieben. Pragmatische Lösungen sind gefragt. Auch bei der Hygiene in diesem sensiblen Bereich. Das Problem mit der Camping-Toilette ist. Die Toilette ist irgendwann auch mal voll. „Dann muss die halt ausgelehrt werden. Mach ich an einem Wohnmobilstellplatz in der Nähe. Geht auch.“

Im Lager stehen schätzungsweise 60 bis 70 Fahrräder, die Spenderinnen und Spender abgegeben haben. Auch jetzt gerade bringt eine Frau zwei ältere Mountainbikes in die Werkstatt und übergibt sie an Jürgens Kollegen. „Da sind schon auch viele richtig gute Fahrräder dabei. Im Jahr würden ca. 100 Fahrräder die Werkstatt verlassen, heißt: an Geflüchtete übergeben. Gegen 10 € Pfand, wir möchten nicht, dass andere die Räder verkaufen. Dabei ist die Werkstatt nur dienstags zwischen 17:00 und 19:00 Uhr geöffnet. Bei ca. 50 Wochen pro Jahr, stellt das Team also knapp zwei Fahrräder pro Schicht fertig.

Zentralwerkzeug gegen das Chaos

Nur wie behalten die eine Frau und die sieben Männer in diesem Gewusel den Überblick? Jürgen dreht sich wortlos um und wirft sein Notebook an – auch das ein Geschenk eines wohl gesonnenen Spenders. „Hier“, sagt Jürgen und deutet auf den Bildschirm. Dort ist ein Excel-Tabelle zu sehen. „Hab‘ ich selbst entwickelt. Ich bin von Beruf Elektrotechniker und war bei einen Automobil Zulieferer für das Risikobeurteilung zuständig. Da kommt das her.“ Aha. Alles klar. Statt Schraubenzieher oder -schlüssel ist das also das zentrale Werkzeug in der Fahrradwerkstatt. „Sonst würden wir hier im Chaos versinken“, sagt er rüstige Pensionär.

Dann geht er ins Detail: Fahrrad Antrag digital erfassen – auch mehrsprachig, z. B. in Arabisch oder Farsi. Dann das richtige Fahrrad für den Kunden suchen, mit Checkliste versehen und reparieren – FsF-Nummernaufkleber auf Fahrrad anbringen – Zweitprüfung (4-Augenprinzip) durchführen – FsF-Aufkleber anbringen – Fahrrad ist fertig, Nummer digital erfassen. Das ist – so grob – der eine Prozess. Der andere: Antrag des Kunden, Geschlecht, Größe und Geburtsdatum erfassen, Kundennummer vergeben. Vor allem Geschlecht, Größe, E-Mail-Adresse und Geburtsdatum seien bei tatsächlich Arbeit sehr wichtige Informationen, fährt Jürgen fort. „Ich hatte mal einen, der hat kein Geburtsdatum angegeben. Für den hatte ich ein Rennrad vorgesehen. Als der Mann dann bei uns ankam, war uns beiden schnell klar, das mit dem Rennrad wird nichts. Der Herr befand sich im fortgeschrittenen Alter“, lacht Jürgen. Seitdem eben mit Geburtsdatum.

Lerneffekt inklusive

Dann flitzt Jürgen in das Reifenlager. Auf dem Weg dorthin kommen wir an den Ersatzteilregalen vorbei. Die sind vollgepackt mit Sätteln, Gepäckträgern, Klingeln, oder auch mit Lenkstangen – was man halt alles so braucht. „Fahrradgeschäfte und auch teilweise Hersteller spenden uns teilweise neuwertige Teile, die sie nicht mehr benötigen.“ Damit lasse sich natürlich super arbeiten.

Apropos Arbeit: „Ob blutiger Anfänger, fortgeschritten oder Profi, ob SchrauberIn oder Nicht-SchrauberIn, bei uns sind alle willkommen.“ Auch Sprachbarrieren sind für Jürgen kein Hindernis. „Irgendwie“, sagt Jürgen, „gibt es immer einen Weg.“ Er kennt die Welt, ist viel gereist und weiß, wie Verständigung funktioniert. Das ist Jürgen ebenso wichtig, wie der Lerneffekt, den sein achtköpfiges Team bei der Arbeit erfährt. Deshalb organisiert er für seine Werkstattcrew auch den Erfahrungsaustausch mit anderen Fahrradwerkstätten in Bamberg oder Workshops.

Und wie kommt jetzt ein Fahrrad an die Frau oder den Mann? „Einmal im Monat gibt es einen Abholtermin.“ Klar: Auch den bestimmt Jürgen. Davor erhalten die AbholerInnen eine E-Mail und werden informiert, dass Freund statt fremd ein Fahrrad für sie hat. Dann findet gewissermaßen zusammen, was zusammengehört. Dank Bill Gates funktioniert das alles vollautomatisch. „Ich muss nur bei den entsprechenden Personen den Wert von 0 auf 1 umstellen, dann kriegen die alle eine E-Mail“, demonstriert Jürgen anhand seiner legendären Excel-Tabelle, die eigentlich ja schon eine vollwertige Software ist.

Ab und zu würden die neuen Fahrrad BesitzerInnen aber tatsächlich auch von der Polizei angehalten oder in den Unterkünften kontrolliert. Gerade dann, wenn sie auf einem neueren Modell unterwegs sind. Die Frage ist: Machen auch Menschen ohne Migrationshintergrund hierzulande diese Erfahrung? Wie auch immer, Freund statt fremd beugt jedenfalls vor: Über den Nummernaufkleber unter der Sattelstange und den ausgestellten Fahrradausweis mit Kundennummer kann das Fahrrad dann identifiziert werden. „Die Polizei kann in der Geschäftsstelle „Blaue Frieda“ anrufen und die Nummer bzw. das Fahrrad gegenprüfen“, erklärt Jürgen, während er auf die Suchfunktion in seinem Excel-Tool zeigt.

Mobilität schafft Möglichkeiten

Am Ende geht es in der Posthalle aber um mehr als Nummern, Laufzettel und perfekt eingestellte Bremsen. Es geht um ein Stück Selbstständigkeit. Wer ein Fahrrad hat, kommt eben etwas leichter zum Sprachkurs, zum Amt, zur Arbeit, zum Einkaufen oder einfach zu Freunden. Mobilität schafft Möglichkeiten – denn manchmal beginnt Integration eben ganz unspektakulär auf zwei Rädern, etwas Werkzeug und einer ziemlich ausgeklügelten Excel-Tabelle. Und vielleicht passt der Name „Lord of the Bikes“ dann doch ganz gut. Auch wenn Jürgen vermutlich einwenden würde: Chef ist relativ.

Text & Fotos: Enno-Jochen Zerbes