„Was soll denn das? Das scheint mir total abwegig!“ – Das waren die ersten Gedanken von Freund-statt-fremd-Vorstandsmitglied Sylvia Schaible, als sie hörte, dass der Verein einen Kunstpreis erhalten soll. „Ein sozioökonomischer Verein gewinnt einen Kunstpreis? Das habe ich am Anfang gar nicht verstanden. Aber je mehr ich die Leute kennenlernte, desto besser fand ich die Idee. Das ist ein Statement. Ein Ruf in die Welt.“
Am 29. Oktober 2026 wurde diese Idee Wirklichkeit. Für Freund statt fremd ist der Berganza-Preis des Kunstvereins Bambergs eine besondere Auszeichnung, denn zum ersten Mal in der über 30-jährigen Geschichte des Preises wurde kein Künstler und keine Künstlerin, sondern ein gemeinnütziger Verein geehrt. Doch was hat die Arbeit von Freund statt fremd mit Kunst zu tun?
Mehr, als man zunächst vermuten würde. Wie Sylvia Michel, Vorsitzende des Kunstvereins Bamberg, betonte, beschränke sich Kultur nicht auf Museen, Theater oder Kunstwerke. Sie zeige sich auch darin, wie Menschen miteinander umgehen. Genau diesen Gedanken griff Hans-Martin Lechner, ehemaliger evangelischer Dekan von Bamberg, in seiner Laudatio auf. Seit der Gründung 2014 begleitet er die Arbeit von Freund statt fremd. Für ihn stehe dabei vor allem ein Begriff im Mittelpunkt: Begegnung. Ob in der Blauen Frieda, im Ankerzentrum oder bei Veranstaltungen in der Stadt – Freund statt fremd schaffe Orte, an denen Menschen unterschiedlicher Kulturen, Nationalitäten und Religionen zusammenkommen. Begegnungen, die manchmal herausfordernd sein können, aber vor allem bereichern. Lechner erinnerte daran, dass Empathie bedeute, sich in die Situation anderer Menschen hineinzuversetzen. Daraus entstehe Solidarität und damit die Grundlage für ein respektvolles Zusammenleben.
Doch seine Rede war nicht nur eine Würdigung der Vereinsarbeit, sondern auch ein deutliches politisches Statement. Angesichts des zunehmenden Rechtsrucks und einer Politik, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft ausgrenzt, sei es umso wichtiger, für Menschlichkeit, Vielfalt und Demokratie einzustehen. Die Entscheidung des Kunstvereins, Freund statt fremd auszuzeichnen, bezeichnete er deshalb als ein ermutigendes Zeichen der Hoffnung. Nicht nur für Bamberg, sondern weit darüber hinaus.
Eine emotionale Ehrung von Jonas Glüsenkamp
Wie viel die Arbeit von Freund statt fremd für Bamberg bedeutet, wurde besonders in der Rede des Zweiten Bürgermeisters und Sozialreferenten der Stadt Bamberg Jonas Glüsenkamp deutlich: Seit vielen Jahren begleitet und unterstützt er den Verein. In seiner Rede würdigte er insbesondere die langjährige und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der Stadt Bamberg und Freund statt fremd. Dabei hob er hervor, dass sich der Verein nicht nur dann für Geflüchtete einsetzt, wenn das Thema gerade im öffentlichen Fokus steht, sondern auch dann verlässlich an ihrer Seite bleibt, wenn andere Themen die Aufmerksamkeit bestimmen. Er blickte auf das zurück, was Freund statt fremd bereits erreicht hat, und würdigte vor allem die Menschen, die sich Tag für Tag ehrenamtlich engagieren. Dabei wurde es emotional. Sichtlich gerührt musste Glüsenkamp mit den Tränen kämpfen. Seine Worte machten deutlich, dass hinter der Auszeichnung weit mehr steckt als die Anerkennung eines einzelnen Projekts. Es gehe ihm um jahrelanges Engagement, um Menschlichkeit und um die Überzeugung, dass jeder Mensch einen Platz in unserer Gesellschaft verdient.
Auch Thomas Schwarz, Vorstand der VR Bank Bamberg-Forchheim, die den Preis unterstützt und stiftet, betonte in seiner Rede die Bedeutung von Gemeinschaft. Heimat sei nicht allein eine Frage des Geburtsortes. Sie entstehe dort, wo Menschen einander nicht gleichgültig sind, sondern füreinander Verantwortung übernehmen.
Stellvertretend für die Vorstandschaft und den gesamten Verein nahm Alona Grygoryeva den Berganza-Preis entgegen. Für den Verein sei die Auszeichnung nicht nur eine große Ehre, sondern auch eine Ermutigung, seine Arbeit mit Freude und Überzeugung fortzusetzen.
Gemeinsam feiern, gemeinsam wachsen
Dass GEMEINSAM bei Freund statt fremd großgeschrieben wird, zeigte sich auch nach der offiziellen Preisverleihung. Bei einem gemeinsamen Buffet war Zeit, sich auszutauschen, neue Bekanntschaften zu schließen und zusammen auf die Auszeichnung anzustoßen. Zwischen Gesprächen, Umarmungen und herzlichen Glückwünschen wurde einmal mehr deutlich, was den Verein ausmacht: die Menschen.
Am Ende bleibt vor allem Stolz und Dankbarkeit. Auch in den vielen Gesprächen mit Gästen und Gratulanten wurde deutlich, wie viel Anerkennung und Wertschätzung dem Verein entgegengebracht wird. Für Freund statt fremd ist der Berganza-Preis deshalb weit mehr als eine Auszeichnung für das Engagement der vergangenen Jahre. Er ist zugleich ein Zeichen dafür, dass Menschlichkeit, Offenheit und Zusammenhalt ebenso Teil unserer Kultur sind wie Kunst, Musik und Theater. Und vielleicht ist es gerade deshalb so passend, dass ein Verein wie Freund statt fremd einen Kunstpreis erhält.
Text und Bilder: Katja Kunz
